11 Oktober 2009 ~ 1 Comment

Die – christliche – Kopftuchfrage

Von wichtigen und unwichtigen Dingen

Die menschliche Erkenntnis ist „Stückwerk“, sagt Paulus (1.Korinther 13,9). Vollkommene Erkenntnis wird es erst im Himmel geben.

Glücklicherweise bezieht sich das Bruchstückhafte innerhalb des christlichen Glaubens nur auf Randthemen und nicht auf den Kern des Evangeliums von der Erlösung durch Jesus Christus, von dem Paulus schreibt:
„… selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch etwas anderes als Evangelium verkündigen würden als das, was wir euch verkündigt haben, der sei verflucht!“ (Galater 1,8).  An diesem Kern ist nicht zu rütteln.

Ein Randthema ist die Aufforderung des Paulus, dass eine Frau beim Gebet ihren Kopf bedecken soll (1.Korinther 11,1-16). Ganz bewusst verkürze ich die Aussage erst einmal auf den Kern der Frage, weil schon die im selben Atemzug gemachten, weiteren Bemerkungen des Paulus für den heutigen Leser ein schier unentwirrbares Knäuel von Problemen aufwerfen.

Wer das Tragen des Kopftuches nicht als Randthema ansieht und schon jetzt innerlich kocht, kann diesen Artikel ruhig zur Seite legen und ihn nach einem oder zwei Jahren noch einmal lesen. Doch sollen folgende Gedanken deutlich machen, dass das Kopftuch meiner Meinung nach zu den Randthemen gehört. Denn einer der Verbrecher, die mit Jesus gekreuzigt wurden, ist mit Jesus ins Paradies gegangen, ohne die richtige Meinung übers Kopftuch zu haben. Diese und ähnliche Themen haben durch den natürlichen, menschlichen Eifer seiner Verfechter (Paulus nennt das die Gesinnung des Fleisches) unzählige Gemeinde- und Kirchenspaltungen bewirkt. Dabei sind das gerade die Prüfsteine Gottes, an denen Christen ihre Gesinnung prüfen sollen.

Unangebrachte Härte

Außerdem möchte ich vorausschicken, dass sich jeder selbst für die Beurteilung der Frage disqualifiziert, der in diesem Zusammenhang Ärger, Zorn oder Groll gegen Christen hegt, die anders denken. Denn Paulus schreibt auch:

Jetzt aber legt … ab – Zorn, Wut, Bosheit, Lästerung, hässliche Redensarten aus eurem Mund.  Kolosser 3,8

Des Weiteren gilt die Aufforderung aus Rö 14:
Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn … Ein jeder sei in seiner Meinung gewiss.

Der Umgang mit abweichenden Überzeugungen

Mir persönlich fällt es nicht schwer, Christen mit einer abweichenden Meinung zu akzeptieren, wenn ich sehe, dass sie aufrichtig und in guter Gesinnung vor Gott zu dieser Auffassung gekommen sind. Auch ändere ich noch immer mit gutem Gewissen meine Meinung.

Mit dieser Einstellung nehme ich von Herzen an, wer Paulus aufs Wort gehorcht und das Kopftuch der Frau in der Gemeinde ohne Wenn und Aber akzeptiert. Doch so gern ich mit meinen Mitchristen einer Meinung wäre – es geht nicht, weil ich vor Gott von ganzem Herzen gewiss bin, dass Paulus in der heutigen Zeit manche Dinge anders gesagt hätte. Aber ich bin kein Modernist und kein Liberaler, der schlauer ist als Gott und sein Wort relativiert, wo es nötig erscheint. Das möchte ich erklären.

Der historische Kontext

Weil die Bibel kein allumfassender Knigge ist, geht sie nicht auf künftige Anstandsregeln ein, sondern spricht im kulturellen Kontext der Zeit, in der sie geschrieben wurde. Anders wäre ein Bericht aus alter Zeit auch gar nicht lesbar. Er beschränkt sich aufs Wesentliche – und überlässt es dem Leser 2000 Jahre später, sich einzufühlen und den richtigen Sinn zu treffen, der mit den übrigen Aussagen der Bibel übereinstimmt. Wie gesagt, bezieht sich diese Anforderung nicht auf die ewigen Wahrheiten der Heiligen Schrift, sondern lediglich auf äußere Handlungen, wie z. B. die Bedeckung des Kopfes.

So, wie niemand durch Essen und Trinken oder die Taufe oder das Halten bestimmter Feiertage gerettet wird, so wird auch niemand durch ein Stück Stoff gerettet. Denn Jesus sagt: Johannes 6,63: Der Geist ist es, der lebendig macht; das „Fleisch“ ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben.

Wenn jemand in „heiligem“ Eifer auf der Kopfbedeckung besteht, weil es in der Bibel steht, von dem darf man auch fordern, den anderen Aufforderungen der Bibel Folge zu leisten. Dazu würde dann z. B. das Ausreißen des Auges gehören, das jemanden zur Sünde verführt (Matthäus 18,8-9).

Genau so, wie Jesus vor 2000 Jahren zu seinen Jüngern sagte, dass sie unterwegs auf dem Weg zur Verkündigung des Evangeliums niemanden grüßen sollen, ließ er Paulus – ebenfalls vor 2000 Jahren – wissen, dass die gläubige Frau den Kopf bedecken solle. Beide Anweisungen ergingen in Übereinstimmung mit der damaligen Auffassung von Anstand und Sitte. Nach alter orientalischer Sitte beschränkte sich das Grüßen nämlich nicht auf einen kurzen freundlichen Zuruf im Vorübergehen, sondern war ein zeitraubendes Zeremoniell, von dem nur jemand befreit war, der mit dringendem Auftrag unterwegs war. Wir können also nur im historischen Zusammenhang verstehen, dass Jesus seine Jünger nicht aufforderte, unhöflich zu sein, sondern nur, die Prioritäten richtig zu setzen.

Das Kopftuchgebot des Paulus einige Jahre später hat auch einen speziellen historischen und gesellschaftlichen Hintergrund. Korinth war eine Hafenstadt mit all den sittlichen Verfallserscheinungen, die auch heute noch u.a. auf Hafenstädte zutreffen. Jede sittsame Frau (auch die heidnische) in Korinth bedeckte ihren Kopf. Frauen jedoch, die ihr Geld durch gewerbsmäßige Unzucht verdienten, liefen ohne Kopfbedeckung herum.

Manche offensichtlich ziemlich temperamentvolle Christenfrauen in der Gemeinde von Korinth waren von der Freiheit, die das Evangelium brachte, so begeistert, dass sie im Zuge dieser neuen Freiheiten auch gleich das Symbol für die Unterordnung unter den Mann – die Kopfbedeckung – mit ablegten und dabei offenbar nicht bedachten, dass sie sich dadurch den Huren der Stadt anglichen.

Diesem übers Ziel hinausschießenden Wildwuchs musste Paulus mit Strenge Einhalt gebieten, um Schaden von der Gemeinde abzuwehren. Dabei fällt auf, dass im NT von der Kopfbedeckung nur im Zusammenhang mit der Gemeinde in Korinth die Rede ist – und sonst nie. In den selben Zusammenhang gehört die Anweisung des Paulus, dass die Frau in der Gemeinde schweigen soll – und zwar wegen der chaotischen Verhältnisse in der Gemeinde in Korinth im Hinblick auf undiszipliniertes Dazwischenfragen und Sprachenreden usw. An der Formulierung (1.Korinther 14,35), dass die Frauen daheim ihre Männer fragen sollen, können wir vermuten, dass dies lediglich der Eindämmung der Unordnung dienen sollte und nicht etwa dazu, allen Frauen unter allen Umständen den Mund zu verbieten. Dies würde auch im Widerspruch zu 1.Korinther 11,5 und anderen Stellen stehen.

Einschränkung

Im Gegensatz hierzu ist anzumerken, dass die Bibel jedoch von der schöpfungsgemäßen Ordnung Gottes spricht, wenn sie der Frau verbietet, Autorität über den Mann auszuüben – z.B. Männer zu lehren und eine Gemeinde zu leiten (1.Tim.2,12). Der Mann wurde von Gott zum Haupt der Frau bestimmt und die Frau zu seiner Gehilfin, die er allerdings so, wie Christus es tut, lieben soll, so dass er auch sein Leben für sie hingibt (Epheser 5,25).

Fazit

Wenn eine Gemeinde an der Kopfbedeckung der Frau als Ausdruck der göttlichen Schöpfungsordnung festhält, dann sollte das Tuch mit Überzeugung und aufrichtigem Herzen getragen werden. Wenn dieses Symbol jedoch nur mit Widerwillen – auf menschlichen Druck hin – akzeptiert wird und so degeneriert, dass nur ein schmaler Reif im Haar zur „Bedeckung“ des Kopfes übrig bleibt, dann ist dies Heuchelei.

Ich soll Mitchristen in Liebe (er)tragen, ähnlich wie auch Jesus mich (er)trägt. Deswegen sollte jeder wiedergeborene Christ das tun, was heute der guten Sitte in unserer Kultur entspricht – Philipper 4, 8 – und er sollte Rücksicht nehmen auf das Gewissen dessen, der eine abweichende Meinung vertritt, weil jeder für sich selbst Gott Rechenschaft geben wird.

Nachwort

Wer auf der „sicheren Seite“ sein will, der akzeptiere das Tragen der Kopfbedeckung der Frau beim Beten und im Gottesdienst. Weil es im Neuen Testament so steht, wird Gott ihn nicht tadeln – auch wenn jemand es nicht weiter hinterfragt hat. Außerdem könnte es ja sein, dass Gott ausgerechnet heute – im Zeitalter der „Emanzipation“ der Frau und des „gender mainstreaming“, der Gleichmacherei von Mann und Frau – dieses Zeichen der Unterordnung der Frau unter den Mann absichtlich verordnet hat.

Ein weiterer Gedanke ist der Christus als Hauptargument für das Tragen des Kopftuches.
Weil im Gottesdienst allein Christus geehrt werden soll, bedeckt die Frau beim Beten ihr Haupt, weil der Mann ihr Haupt ist, Christus aber ist das Haupt des Mannes, der ihn ehrt, indem er sein Haupt nicht bedeckt – übrigens ähnlich, wie man den Hut abnimmt, um jemanden zu grüßen, den man ehren will.

Weil die Kopfbedeckung lediglich im Gottesdienst vorgesehen ist, sollte es kein Problem sein, diese Gewohnheit zu akzeptieren, da z.B. bei den Juden  j e d e r   M a n n  – sogar der Fremde – beim Besuch einer Synagoge eine Kopfbedeckung zu tragen hat (oder jeder  Besucher einer muslimischen Moschee die Schuhe ausziehen muss). Niemanden stört es. Man akzeptiert den Brauch eben und findet es vielleicht sogar interessant.

Und nun noch ein Kommentar zu den Engeln in diesem Zusammenhang

Was Paulus in dieser Beziehung über Engel sagt, beschäftigt uns Heutige nicht mehr sonderlich. Um die Stellen aber zu verstehen, muss man es wissen. Hier sind sie:

Epheser 3,9-10: „… um alle darüber zu erleuchten, welches die Gemeinschaft ist, die als Geheimnis von den Ewigkeiten her in Gott verborgen war, der alles erschaffen hat durch Jesus Christus, damit jetzt den Fürstentümern und Gewalten in den himmlischen [Regionen] durch die Gemeinde die mannigfaltige Weisheit Gottes bekannt gemacht werde,“

1.Petrus 1,11-12: „Sie (die Propheten) haben nachgeforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist des Christus in ihnen hindeutete, der die für Christus bestimmten Leiden und die darauf folgenden Herrlichkeiten zuvor bezeugte. Ihnen wurde geoffenbart, dass sie nicht sich selbst, sondern uns dienten mit dem, was euch jetzt bekannt gemacht worden ist durch diejenigen, welche euch das Evangelium verkündigt haben im Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt wurde – Dinge, in welche auch die Engel hineinzuschauen begehren.“

Gott hat es so geregelt, dass die Engel durch die Beobachtung der Gemeinde – Gottes Weisheit bei der Erlösung der Menschen verstehen. Dieser Zweck wird jedoch nur erfüllt, wenn die Glieder am Leib Christi Gott auch gehorsam sind.

Auch bei anderen Gelegenheiten wird offensichtlich, dass die Engel nicht in dem Umfang von Gott informiert werden wie die Menschen. Sie haben eine ganz andere Stellung im Dienst für Gott als die Menschen, obwohl sie zur Zeit noch höher stehen als die Menschen, die ja Sünder sind, wenn auch begnadigte.

Anmerkung zum griechischen Wort „exousia“ zur Kopfbedeckung der Frau:
Fußnote SCHLACHTER 2000 – „Das Wort exousia bezeichnet auch die „Freiheit“ und das „Recht“ zu handeln, die „Macht“ und „Autorität“, die jemand hat.“

Diese Erklärung ist interessant in Bezug auf das selbe Wort bei der Anweisung des Paulus
(die einem Befehl von Jesus entspricht – wie er sagt):
„Darum soll die Frau [ein Zeichen der] Macht auf dem Haupt haben, um der Engel willen.“ (1. Korinther 11:10 SCH2000)

Dem Geist der Heiligen Schrift nach kann es sich dabei nur um göttliche Merkmale handeln. Das würde bedeuten, dass eine Frau, die ihren Kopf in gottgemäßer Gesinnung bedeckt, unter der Macht und Autorität Gottes steht – oder sie sogar in den von Gott gesetzten Grenzen ausübt.
Die Frau, die dem Mann von Gott nachgeordnet wurde, ist auf dieses Symbol angewiesen. Der Mann Gottes hat diese Merkmale ohne Symbolik durch Christus.
Und warum bedecken die jüdischen Männer ihren Kopf?
Weil sie noch unter der Vormundschaft des Mosaischen Gesetzes stehen – dessen Erfüllung im Messias Jesus ihnen noch nicht aufgegangen ist.

One Response to “Die – christliche – Kopftuchfrage”

  1. Marcel sagt:

    Zum Verhältnis zwischen Mann und Frau sagt Paulus aber:

    „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“
    Galater 3,28

    Ein fast schon revolutionärer Satz in einer damals patriarchal und hierarchisch geprägten Gesellschaft!


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